Ein Brief für den Kultusminister

In der Sendung vom 06.04.2016 bei Radio Lora wendeten sich die Stadtschülervertreter Luka, Zora und Josef mit einem Brief direkt an den Kultusminister. Es ist eine Klage, aber auch eine Bitte dem ewigen Kreislauf des Leistungsdruck für Eltern, Schüler und Lehrer zu beenden.

Lieber Dr. Ludwig Spaenle,

Sie sind unser Kultusminister, und folglich zuständig und verantwortlich für unsere Schulen und unsere Bildung. Zuständig und verantwortlich für 1,7 Mio Schülerinnen und Schüler, die täglich unter den Fehlern Ihres Bildungssystems leiden.

Das Schulleben beginnt mit einer prall gefüllten Schultüte, ein bis zwei Zahnlücken und einem freudig, erwartungsvollen Gefühl. Wir können es gar nicht mehr erwarten endlich unseren Namen schreiben zu können und zu wissen, ob Pippi Langstrumpf mit ihrem 2 mal 3 macht 4 wirklich recht hat. Doch widewidewitt und 3 macht neune und wir sind in der 3. Klasse und die Motivation und der Wissensdurst sind weg. Jetzt geht es an die Übertrittsvorbereitung und statt weiterer individueller Förderung werden wir auf 3 Schularten aufgeteilt.

Neulich haben wir ihnen, zeitgleich zu unseren eigenen Zwischenzeugnissen ihnen eines ausgeschrieben, in dem wir Ihnen  – wesentlich detaillierter als in den Schulen üblich – ein konstruktives Feedback zu unserem Schulsystem gegeben haben.
Eines der 12 Fächer war  „Elitenbildung vermeiden“. Dies haben Sie mangelhaft, also mit der Note 5 abgeschlossen. Dort haben wir die Dreigliedrigkeit kritisiert, die das Gymnasium, die Realschule und die Mittelschule darstellen, auf die wir, beurteilt nach möchtegernobjektiven Noten, nach der 4. Klasse aufgeteilt werden.
Aber Sie haben uns nicht zugehört. Gerade für ein Foto hat es gereicht, für mehr aber nicht. Keine Zeit, nicht einmal für einen Termin in einer Zeitspanne von einem halben Jahr. Offensichtlich haben Sie das Fach „Dialog mit Schülern“ nicht belegt. Dabei ist es Ihre Aufgabe für das Wohl der Schülerinnen und Schüler zu sorgen.

Sie sagen, an unserem Schulsystem müsste man nichts ändern? Falsch gedacht!
Greifen wir mal ein paar Beispiele heraus, die wir hüstelnd, unter versteckter Hand zur Gegenrede einbringen..

  • 30% der  LehrerInnen und ErzieherInnen leiden unter Burn-out und Erschöpfung
  • Jährlich werden ca. 240 Mio € für Nachhilfe ausgegeben, allein in Bayern
  • und nach der Children’s World Studie gehen die deutschen Schülerinnen und Schüler im weltweiten Vergleich nur ungern zur Schule

Aber natürlich, wir stimmen Ihnen zu, Herr Dr. Spaenle, unser Schulsystem ist das beste. Gefällt uns… wirklich..

Erinnern Sie sich noch wie es damals war, frisch in der fünften Klasse, wenn einem jeder Lehrer erzählt sein Fach wäre das Wichtigste, in das müsste man die meiste Energie stecken? Und eigentlich erwartet man, langsam an Selbstständigkeit und Freiheit dazugewinnen zu dürfen. Leider machen wir uns unsere Welt nicht wiedewiedewie sie uns gefällt. Weil wir nicht dürfen.
Jede Entscheidung, selbst die, ob man noch Übung braucht und die Hausaufgaben erledigt oder nicht wird einem von den Lehrern abgenommen. Unabhängig von unserem persönlichen Übungsbedarf. Selbsteinschätzung lernen?! Hier nicht! Individuelle Förderung? Auch nicht!
Wir wurden in drei Schubladen aufgeteilt.Leider gibt es nicht nur drei verschiedene Typ Mensch, sondern jeder ist ein Individuum, dessen Individualität auch genutzt werden sollte, anstatt sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen.

In der 9. Klasse stehen einige SchülerInnen schon vor ihrem Abschluss, der ein elementarer Bestandteil ihres Berufsleben ist. Mit 15 und mitten in der Pubertät tragen sie schon große Verantwortung, während andere, geprägt von Unlust und Demotivation, jede Gelegenheit nutzen, die Autoritäten um sie herum zu testen. Dass vor allem in dieser Lebensphase Lernen ohne wirkliche, intrinsische Motivation nicht möglich ist, hat das Schulsystem wohl leider nicht bedacht. Danach folgt bei vielen das Abitur, ein labberiges Blatt Papier das einzig und allein durch die Anerkennung von Unis an Wert gewinnt. Und während wir genervt, unmotiviert und lernverdrossen aus der Schule in die Freiheit gehen, kommen von unten neue Knirpse mit Schultüten und Zahnlücken nach, die sehr bald nicht nur durch ihre überdimensional großen Schulranzen erschlagen sind.

Es ist ein Kreislauf, der nicht endet. Aber Sie, Herr Dr. Ludwig Spaenle, Vater zweier Töchter, können ihn beenden. Sie können aus dem Leistungsdruck, Spaß an der Schule machen. Wenn Sie nur möchten.
Denn so wie es jetzt ist, haben auch wir, wie Pippi, keine Lust auf Schule. Und wir gehen nicht, wie sie, nur hin, weil wir, zwischen zu viel Freizeit, gerne Ferien hätten.
Wir bitten Sie, “live” aus dem Schulalltag berichtend: Werden Sie Ihrem Handlungsspielraum bewusst, tragen Sie Ihre Positionsgerechte Verantwortung.
1,7 Mio Schülerinnen und Schüler werden es Ihnen danken.

Darunter auch Josef, Luka und Zora im Namen der StadtschülerInnenvertretung München.

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