Münchner Manifest

Im Rahmen der vom Münchner Merkur veranstalteten Bildungstage München, wurde am 04.05.2017 ein Münchner Manifest anhand von 5 Leitmotiven erarbeitet. Wir hatten die Ehre, neben aus der Bildungspolitik bekannten Gesichtern wie Margret Rasfeld, dieSprecherin für eines der fünf Leitmotive stellen zu dürfen. Folgend der 10 minütige Input zum 5. Leitmotiv „Impulse von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern“ von Hannah Imhoff:

Sprecherin Thomas Sattelberger (ehemaliger Vorstand Deutsch Telekom), Franz Hütter (Coach für neurodidaktischen Transfer), Elfie Schloter (Leiterin des Institut für Zusammenarbeit im Erziehungsbereich und Margret Rasfeld (Gründungsdirektorin der preisgekrönten Evangelischen Schule Berlin Zentrum)

Thomas Sattelberger (ehemaliger Vorstand Deutsch Telekom), Franz Hütter (Coach für neurodidaktischen Transfer), Hannah Imhoff (Sprecherin der StadtschülerInnenvertretung Münchnen), Jeanne Turczynski (Redaktuerin des Bayrischen Rundfunks und Moderatorin des Abends), Elfie Schloter (Leiterin des Institut für Zusammenarbeit im Erziehungsbereich und Margret Rasfeld (Gründungsdirektorin der preisgekrönten Evangelischen Schule Berlin Zentrum).

Vorschule.
Grundschule.
Gymnasium.
Bachelor.
Praktikum.
Auslandssemester.
Master.
Arbeit.
Darf ich Pause machen?
Nein, Kind du wirst zu alt.

Dieses Zitat aus einem Theaterprojekt wählte ich für Euch, um zu zeigen warum Schüler überhaupt Druck empfinden.

Aktuell: zeigt jeder zweite Dritt- Viertklässler alarmierend erhöhte Stresswerte, 30% aller Jugendlichen leiden unter Leistungsdruck, und im Gymnasium leidet sogar jeder 20 unter Burnout-Syndromen, das ist mehr als einer pro Klasse . Aber nicht nur Schüler leiden, ich allein weiß schon von drei Lehrkräften, die mit Burnout Syndromen zu kämpfen hatten. Manche Berufsunfähigkeitsversicherungen nehmen sogar aufgrund der hohen Arbeitsausfallquote Lehrer von vornherein nicht auf.

Aber wenn sie sich jetzt, hier umschauen, auf den Bildungstagen München, werden sie das Gefühl haben, dass es eigentlich allen klar ist. Jeder Stand wirbt mit individueller Förderung, außergewöhnlichen Lehrkräften und innovativen Unterrichtsmethoden.

Jeder Stand wirbt mit einer Schule, die sich ein jedes Elternteil für sein Kind wünscht: Eine Schule in der es sozial gut aufgehoben ist, in der das Verhältnis zu den Lehrern von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist und in der es die Lernziele mühelos erreichen kann.

Aber warum sieht die Realität für viele so anders aus?

Eltern befinden sich in der Situation die richtige Schule für ihr Kind wählen zu müssen, allein im München gibt es 348. Eltern die in der dritten und vierten Klasse beginnen sich um die Zukunft ihrer Kinder zu sorgen. Die sich fragen wie früh eine Schulaufgabe eigentlich angesagt sein muss, ob alle Parallelklassen für ein faires Ergebnis nicht zur selben Zeit dieselbe Schulaufgabe schreiben müssten und auf Lehrer treffen, die laut Simone Fleischmann der Präsidentin des bayrischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes selbst keine Antworten auf diesen Fragen haben. Simone Fleischmann war früher Schuldirektorin in der Volksschule in Poing und erinnert sich noch lebhaft wie ihre Lehrer sie anflehten nicht mehr in der 3. oder 4. Klasse unterrichten zu müssen, denn ihnen sei der Druck der Eltern, der Druck des Stoffs und Druck der Entscheidung zu groß.

Und in den weiterführenden Schulen geht es weiter, Lehrer sind durch Lehrpläne und einheitliche Abiturprüfungen zum „teaching to the test“ gezwungen. Doch wie sollen sie Begeisterung für das Thema mit ihren Schülern teilen, wenn Sie nur das Unterrichten dürfen was im Abi drankommt? Wenn schon jeder Arbeitsauftrag und jede Fragestellung auf Prüfungsvorbereitung ausgelegt ist?

Schüler sollen dann dieses Wissen euphorisch aufsaugen, doch eigentlich ist es nicht mehr als stumpfe Wissenswiedergabe die hier verlangt wird. Selbst für Transferaufgaben (Denkaufgaben!) verspricht die auswendiglernte Antwort des Lehrers im perfekten Fachjargon die beste Note.
Und diese Art zu lernen erreicht in den Abschlussprüfungen ihren Höhepunkt, gestern meinte eine Freundin zu mir: „Ganz ehrlich, alles was wir fürs Abi lernen kann man auch einfach googln.“ Diese Erkenntnis ändert jedoch nichts an der gesellschaftlichen Devise „Klappe halten und gute Noten schreiben, Hauptsache Abschluss.“ Neulich brach eine 18-Jährige Mitschülerin in Tränen aus – vor Erleichterung weil sie endlich eine gute Note hatte. Ich finde das symbolisiert ziemlich treffend den Druck, den wir Schüler empfinden. Den Druck, dass auf diesem Abi eine möglichst niedrige Zahl steht, eine einzige Zahl die alles über den Menschen auszusagen scheint, vom Arzt, übern Psychologen, bis zum Grundschullehrer. Dabei wäre niemand der sein Abitur schreibt, in der Lage genau die gleiche Zahl ein zweites Mal zu erreichen.

Warum befinden wir uns in einer so schrägen Situation, einem Teufelskreis in dem Eltern aus Zukunftsangst um ihre Kinder „Sie sollens ja mal besser haben als wir“ Druck auf die Lehrer ausüben, Lehrer durch Noten und Selektion Schüler unter Druck setzten und der steigende Druck der Schüler wiederum die Ängste der Eltern verstärkt.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müssen wir uns einer riesigen Aufgabe stellen, statt Schuld zu suchen, können wir über unsere Probleme Lösungen finden. Ein ganz kleines Puzzelstück bringe ich mit, drei Wünsche der Schüler:

Ich denke manchmal muss man die vier Schulwände verlassen um wirklich zu lernen. Den trockenen Sprachunterricht mit Auslandjahren erlebbar machen und zwar für jeden Schüler, unabhängig vom Geldbeutels seiner Eltern.

Zeugnisse in Worten statt Zahlen – ähnlich wie ein Praktikums oder Arbeitszeugnis, nur als ausführlich protokolliert und sinnvoll gegliederten Gesprächs zwischen Schüler und Lehrer. Der Vorteil eines Gesprächs gegenüber einem reinen Schriftzeugnis ist simpel, es entsteht Kommunikation. Aus diesen Protokollen liest sich dann nicht nur heraus, was der Lehrer denkt, sondern auch die eigenen Erfahrungen des Schülers.

Eine gesunde Feedbackkultur – Bei solchen Lehrerfeedbacks sind im Grunde die Schüler die Potentialentfalter der Lehrer. Eine Schule muss nicht nur die individuellen Fähigkeiten des Schülers erkennen und fördern, sondern auch die des Lehrers. Wenn ein Lehrer sich nicht Herr der Lage fühlt, leidet niemand anderes mehr darunter als die Schüler selbst.

Und weil heut Wochenende ist, hab ich noch nen extra Wunsch: Ich wünsche mir das die Demokratie endlich in der Schule ankommt: Schüler dürfen wenn sie das Schulgelände betreten, sich nicht mehr so fühlen, als würden sie den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland verlassen.

Doch damit allein ist es lang nicht getan, jetzt sind wir alle gefragt. Jeder von uns, hat mindestens 12000 Stunden seines Lebens, die Hälfte seiner Jugend in so einer Schule verbracht. In dieser Zeit sollten nicht Schüler, Eltern und Lehrer weiterhin versuchen dem System zu dienen, sondern das Schulsystem den Menschen. Und dafür müssen wir herausfinden, was Lehrer brauchen um ihren Beruf mit Freude zu leben? Wie Eltern Teil der Schule werden? Und allem voran, auch was sich Schüler von der Schule wünschen?

 

Im Rahmen der Bildungstage München gab es auch Presseberichte: Einmal ein Vorherartikel in der Tageszeitung mit Schwerpunkt auf dem Leitmotiv 5 und ein Bericht der Süddeutschen Zeitung. Wer sich ein umfassendes Bild machen möchte, für den gibt es das Video des Eröffnungsplenums des Münchner Manifests (wir sprechen Minute 4 – 14).