Neujahresempfang 2016

Zu Ehren der Schülervertreterinnen und Schülervertreter Münchens hielten Luka Fischer und Hannah Imhoff auf dem Neujahresempfang 2016 eine bildungspolitische Rede. Thema war ein Klassiker, nämlich welches Leid mangelnde Demokratie in unseren Schulen bei einer 9. Klässlerin auslösen kann.

Neujahresempfang 2016 (links Luka, rechts Hannah)

Sehr geehrte SchülerInnen und Schüler,

ein gut erzogener Mensch würde jetzt zu allererst die Ehrengästen begrüßen – dem schließen wir uns an. Daher: Herzlich Willkommen, Schülerinnen und Schüler. Beim Neujahresempfang gilt die Priorität euch, es kommt auf uns Schüler an und so sollte es in der Schule eigentlich auch sein. Aber natürlich begrüßen wir auch Dieter Reiter, Georg Eisenreich und Anna Hannusch… Schön, dass ihr alle heute hier seid.

Nach einem bekannten Bildungsphilosophen, David Richard Precht stammt unser heutiges Schulsystem mit graduellen Veränderungen noch aus dem 19 Jahrhundert, damals hat noch Kaiser Willhelm der 2te regiert. Das würde historisch erklären, warum man mit dem Betreten des Schulgeländes den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland verlässt.

Tatsächlich erinnert unser hierarchisches Schulsystem mit einem Direktor der allzu gerne „nein“ sagt nicht gerade an den Inbegriff von Demokratie. Im 19. Jahrhundert war die Industrialisierung im vollen Gang und es wurden nonstop Fabrikarbeiter gesucht. Heutzutage haben intelligente, denkende Menschen Roboter und Maschinen entwickelt, die stumpfsinnige Arbeiten übernehmen. Demnach ist unser Computer schon lange in der Lage Copy und Paste zu kombinieren – doch warum liegt dann im Grunde auf copy & paste, noch immer der Schwerpunkt im Lehrplan? Auf stumpfer Wissenswiedergabe? Das erfüllt niemanden.

Auch nicht mein früheres Ich.  Mangelnder Freiraum und reine Wissenswiedergabe brachten mich schon mit 13 zur festen Überzeugung nach der Mittleren Reife das Gymnasium sofort zu verlassen und nie wieder einen Fuß in die Schule zu setzen. Ein Brief aus meiner Vergangenheit:

Ich bin jetzt 9 Klasse Gymnasium, und der Spaß in der Schule ist längst vergangen. Der ganze Schulalltag beruht auf Regeln, die jeder ausführt, aber keiner versteht. Die Lehrer MÜSSEN uns zwingen das fast unmögliche Pensum zu schaffen, weil der Direktor das den Lehrern auftragen MUSS, weil da jemand in seinem Büro glaubt, dass die Abiturnote die „Visitenkarte“ von Bayern ist. Dieser Jemand hat so dermaßen realitätsferne Vorstellungen.

Eigentlich soll die Jugend einer der schönsten Zeiten im Leben werden. Eigentlich soll man in dieser Zeit nach seinen Vorlieben leben dürfen und das Leben genießen. Doch wie sollen wir die schönste Zeit unseres Lebens haben, unseren Lebenssinn finden, wenn unsere Gedanken von unwichtigen Dingen wie Schulaufgaben, Exen und Schulstoff bestimmt sind? Und das alles wozu? Natürlich fürs Abi oder für irgendeinen anderen bescheuerten Abschluss. Dieser Abschluss, der mir anscheinend eine tolle Zukunft verschaffen soll. Aber was bringt er mir ein gutbezahlter Job, wenn ich nicht weiß, was ich mit meinem Leben anfangen sollen? Geld macht nicht glücklich. Wozu dann ein Abitur? Damit wir eine Arbeit haben, die uns Spaß macht, sagen die allwissenden Erwachsenen. Aber wenn ein Job einem wirklich Spaß macht, dann ist man darin sowieso gut.

Man lernt viel zu viel, wozu man keinen Bezug hat, und was keinen Spaß macht. Spaß. Ein Wort das in der Schule nicht existiert. Denn wer hat schon Spaß dabei, Dinge auswendig zu lernen, die ihn nicht interessieren, und die man nach einem Jahr sowieso vergessen hat?  Es ist dieses Gefühl, keine Wahl zu haben, dieses Gefühl, dass jetzt alles zu machen, weil der Lehrer es vorschreibt, dem der Direktor es vorschreibt, weil irgendein Ministeriumsbeamter xy es erfunden hat.  Fern von jeglicher Praxisnähe. Fern von den Gedanken an die Jugendlichen, die dazu verdonnert sind. Und wem gefallen diese Vorschriften? Den Schülern definitiv nicht. Den Lehrern auch nicht. Und den Eltern schon gar nicht, wenn sie sehen wie ihre Kinder in diesem System zu Robotern werden müssen, die vllt ihre Meinung sagen dürfen, diese dann aber keinen interessiert. Diese Roboter machen ihre Arbeit. Tag für Tag. Motivationen werden gebremst, der Lernwille auch. Denn man ist unnützen Vorschriften unterworfen, mit denen man nichts anfangen kann. Wozu sollen wir wissen, welches Stilmittel das und das ist? Gliederungen im Nominalstil erstellen, wenn jeder gesunde Mensch die Gliederung im Verbalstil besser versteht? Deutsch…. Wozu? Wozu die vielen Fächer, in denen man gut sein muss, anstatt sich nur auf die Fächer zu konzentrieren, die einen wirklich interessieren?

Es wird Zeit, dass wir anfangen uns zu wehren. Wir müssen was tun, um diesem Jahrhunderte alten System ein Ende zu bereiten. Es wird Zeit, dass wir widersprechen.

ES IST NICHT DEINE SCHULD, DASS DIE WELT IST WIE SIE IST, ES WÄR NUR DEINE SCHULD, WENN SIE SO BLEIBT!

Als ich, Luka, diesen Brief mit 13 Jahren geschrieben habe wusste ich nicht, dass es theoretisch einen Ort gibt, an dem solche Anliegen und Probleme Platz haben. Ich hatte das Gefühl allein zu sein, und nichts bewirken zu können, da ich die einzige bin, die Schule stört. In der Theorie sollte die SMV tatsächlich Verantwortung für das Unterrichtsgeschehen übernehmen können, und die Schule im positiven Sinne beeinflussen, denn die Schule ist nur für uns Schüler da! Offensichtlich ist, dass man entgegen unserer Gesellschaftlichen Annahme auch mit 13 eine klare und fundierte Meinung haben kann, die auch Gewicht haben sollte.

Neujahrsempfang des Münchner Schülerbüro e.V. zusammen mit der Landeshauptstadt München im alten Rathaus am 26.02.2016. Es sprechen Dieter Reiter, Vertreter des MSB sowie der StadtschülerInnenvertretung und der Initiative Münchner Haus der Schüler und Schüler. www.schuelerbuero.de

In der ersten SMV Sitzung dieses Jahr fragte mich ein 9. Klässler: „Haben wir wirklich Einfluss auf die Entscheidung der Lehrer, hören sie uns wirklich zu?“ Und ich konnte es nicht „bejaen“, es werden die meisten Anträge abgelehnt und bei den Anträgen, die durchkommen, hatte ich oft das schale Gefühl, die Lehrer hatten es eh schon vor.

Einmal meinte ein Lehrer zu mir: „Wir würden die SMV ja gerne unterstützen, aber sie stellen halt die falschen Anträge.“ Ich glaube darin liegt ein grundlegendes Missverständnis, es geht doch nicht darum Lehrerwünsche zu erfüllen, es geht darum das zu fordern was die Schüler sich wünschen.

An vielen Schulen wagt die SMV nicht einmal kontroverse Anträge zu stellen: „Weil Sie kommen eh nicht durch!“.  Diesem Phänomen des Aufgebens bereits vor dem Kampf müsste man entgegen wirken.

Denn sonst haben wir SMVen, die sich damit abfinden den Schulalltag einzig zu versüßen, damit er nicht gar so bitter schmeckt. Sie geben auf, bereits vor dem Kampf und begnügen sich mit Schafkopfturnieren, Mittelstufenpartys, Tombolas, Sommerfesten, Nikolaus & Kuchenback-Aktionen. Ohne aber die Wurzel des Problems anzupacken.

Die SMVen an unseren Schulen können deutlich mehr als Plätzchen backen! Wie wäre es, wenn durch fächerübergreifende Projekte die Eigenverantwortung der Schüler gestärkt würde. Die Individualität jedes Einzelnen genutzt, statt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gesetzt. So würde auch Luka nicht wegen einem Fach wie Deutsch die Freude am Lernen verlieren, sondern hätte bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Partizipation ihre rhetorischen Fähigkeiten durch praktisches Lernen entdeckt.

Der natürliche Wissendurst eines Kindes blüht in unserem heutigen Schulsystem nicht auf, stattdessen lässt trockene Wissensanhäufung ihn absterben. Wir wollen gebildet, nicht verschult sein.

Es wurde uns beigebracht die Schulstruktur als unumstößliches Gesetz zu akzeptieren. Das Bewusstsein, dass sich jede Struktur, nur ein Mensch ausgedacht hat, schwindet zeitgleich mit den Jahren, die wir auf der Schulbank drücken. Dieser Schulstruktur müssen sich die SMVen unterwerfen. Aber es reicht nicht aus, wenn die SMV mitentscheiden darf, ob eine Wand grün oder blau gestrichen wird. Interessensvertretung ist kein Zeitvertreib, es geht um unsere Inhalte.

Ihr seid wichtig, ihr habt das Recht zu sprechen. Eine Demokratie braucht keine monarchischen Schulen, eine Demokratie braucht engagierte, kritisch denkende, Schülerinnen und Schüler! Eine Demokratie braucht Euch. ES IST NICHT DEINE SCHULD, DASS DIE WELT IST WIE SIE IST, ES WÄR NUR DEINE SCHULD, WENN SIE SO BLEIBT!