Neujahrsempfang 2014

Zu Ehren der Münchner Schüler*innenvertretung hielt Ozan Aykac auf dem Neujahrsempfang 2014 eine bildungspolitische Rede. Darin thematisierte er die Forderung nach einem Unterrichtsfach „Kommunikation“ und die Wichtigkeit von ehrenamtlichem Engagement durch Schüler*innen, um Lücken in der Arbeit des Kultusministeriums zu schließen und um positiven Einfluss auf die sich stetig wandelnde Gesellschaft zu nehmen.

Neujahrsempfang des Münchner Schülerbüro e.V. zusammen mit der Landeshauptstadt München im alten Rathaus am 26.02.2016. Es sprechen Dieter Reiter, Vertreter des MSB sowie der StadtschülerInnenvertretung und der Initiative Münchner Haus der Schüler und Schüler. www.schuelerbuero.de

Sehr geehrte Frau Strobl, sehr geehrter Herr Schweppe, sehr geehrte Stadträte, liebe Schülerinnen, Liebe Schüler, liebe Verbindungslehrkräfte,

es ist mir eine große Ehre sie im Namen der Stadtschülerinnenvertretung München zum diesjährigen Neujahrsempfang begrüßen zu dürfen. Für mich persönlich ist es schon der dritte Neujahrsempfang und es bereitet mir eine große Freude, dass sie heute Abend so zahlreich kommen konnten.

„Warum wird nicht ein Schulfach „Kommunikation eingeführt?“ diese Frage stellte die Abendzeitung zusammen mit einer Lehrerin aus Gräfelfing dem Kultusministerium: Das Kultusministerium antwortete auf die Frage wie folgt:

„Liebe Frau H., Sie haben vollkommen recht: Kommunikation spielt eine zentrale Rolle im menschlichen Zusammenleben – und ist deshalb ein wichtiges Ziel des sozialen Lernens in der Schule. Gesprächsregeln in der Klasse, der richtige Umgangston oder auch die Lösung von Konflikten stehen immer wieder im Mittelpunkt der Beziehungsarbeit in den Klassen aller Jahrgangsstufen oder in klassenübergreifenden Projekten. Ein neues Fach braucht es dafür aber sicher nicht: Kommunikation geht schließlich alle Fächer an.“

Die Realitätsferne des Kultusministeriums wurde in den letzten Jahrzehnten schon oft genug unter Beweis gestellt, doch ist diesmal etwas am Eigenlob dran.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, lohnt es sich einen kurzen Blick in die letztjährige Münchner Schulklimabefragung, die in dieser Form bundesweit einzigartig ist, zu werfen. Was denken die Schülerinnen und Schüler von ihrem Umgang untereinander?

Schulklimabefragung

Fast 55% der Befragten gaben an, dass kein höflicher Umgang untereinander herrscht. Ernüchternd. Doch halt! Die Hoffnung stirbt zuletzt. Denn bei der Schulklimabefragung wurde auch die Münchner Lehrerschaft zu ihrem Verhältnis zur Schulleitung befragt. Über 50% der Lehrkräfte gaben an,

Schulklimabefragung1

dass ihre Schulleitung kaum ein Klima des Vertrauens fördert, dass die Schulleitung in Konfliktsituationen konstruktiv umgeht,

Schulklimabefragung, Frage nach Zusammenarbeit

dass mit Kritik destruktiv umgegangen wird, dass die Schulleitung die Kolleginnen und Kollegen bei wichtigen Entscheidungen kaum mit einbezieht und dass die Schulleitung ihre Entscheidungen nicht transparent macht.

Vielleicht würde das Kultusministerium das als Kollateral-Schaden bezeichnen, doch ich würde es direkter beschreiben, nämlich als eine Schande für unsere Bildungspolitik. Ich möchte jedoch nicht die Hälfte der Direktoren in München verurteilen, es ist viel mehr das System, dass eine bessere Kooperation selbst zwischen dem Direktorium und den Lehrer*innen maßgeblich erschwert. Das Verhältnis der Lehrkräfte zum Kultusministerium schaut anscheinend auch nicht viel rosiger aus. Das schließe ich zumindest aus einem Tweet vom 27. Januar, den der BLLV auf ihrer Twitter-Seite veröffentlichte.

Torsten Larbig twittert über Lehrer

Darin sagt Torsten Larbig: Es gibt in Dtl. so wunderbare Lehrkräfte. Wisst ihr, wie oft die in bildungspolitische Entscheidungen eingebunden werden? Fast nie.

Aber hey, Kommunikationsunterricht haben wir in Bayern nicht nötig. Mia san mia und uns reichen „Prost“ und „Schulz“, um einen ganzen Abend im Wirtshaus mit Inhalt zu füllen. Spaß beiseite. Doch wenn das Kultusministerium keinen Handlungsbedarf sieht, müssen wir wohl selber ran. Aus diesem Grund ist euer Engagement, das ihr Tag für Tag, Woche für Woche in euren Schulen zeigt, so unentbehrlich. Doch die Probleme unserer Zeit fangen leider nicht erst am Schultor an. Es ist nicht nur die 5 Mathe, die ihr vorgestern bekommen habt, es sind nur die 3 Referate, die ihr noch am Wochenende vorbereiten dürft, oder die 30 Schulaufgaben, die es noch zu korrigieren gilt. Wir sitzen nunmal alle im selben Boot, und wenn es gerade den Bach runter geht, bleibt uns nichts anderes übrig als das Paddel in die Hand zu nehmen und dagegen zu paddeln. Wir können uns als Gesellschaft nicht zurücklehnen und sagen

„Das ist nicht unser Bier, was da passiert.“ Eine Schreckensmeldung folgt zur Zeit auf die nächste: Griechenland im Euro-Todeskampf, das transatlantische Freihandelsabkommen, Islamischer Staat, PEGIDA, Al-Quaida, Ukraine-Krise, Israel-Palästina-Konflikt. Ich könnte die Liste wohl endlos weiterführen.

Auch globale Konflikte, die in weiter ferne zu sein scheinen, sind nun mal unser Bier. Unter dem Motto #SehrWohlDeinBier steht deshalb auch unsere 10. StadtSchülerInnen-Konferenz in diesem Frühling, wo ihr alle recht herzlich eingeladen seid. Wenn Euch die Inspiration fehlt, wie ihr eure verfügbare Zeit in einem Ehrenamt einsetzen wollt, dann haben wir mit der diesjährigen Ständemeile genau das richtige für euch. 17 Organisationen rund um das Thema Flüchtlinge, Bildung, Gleichberechtigung, sowie Tier- und Umweltschutz sind hier und heute mit einem Infostand vertreten.

Die Möglichkeiten sich in München ehrenamtlich zu engagieren sind nahezu grenzenlos. Und falls ihr doch an eine Grenze stoßen solltet, dann wurde es wohl höchste Zeit diese Grenze einzureißen. Ich engagiere mich schon seit einigen Jahren für eine bessere Bildung in unseren Schulen, nicht nur weil man in dieser Zeit die wundervollsten Menschen trifft, die man schnell schätzen und noch viel schneller lieben lernt, sondern Bildung der Schlüssel zu einer toleranten, gerechten und weltoffenen Gesellschaft ist.

Da die Kerosinpreise zurzeit recht billig sind, möchte ich zum Schluss meiner Rede Ihnen und Euch eine Art Teleporter mit auf den Weg geben. Doch für diese Reise brauchen sie erst einmal einen Gegenstand, den sie gerade mit sich tragen. Das kann alles mögliche sein. Ein Kugelschreiber, einen Zettel oder ein Münzstück, egal. Dann, wenn sie später nach Hause kommen und den Gegenstand aus ihrer Tasche räumen, möchte ich, dass sie sich über folgende Frage Gedanken machen:

Die Frage lautet:

„In was für einer Welt würden wir leben, wenn Merkel, Obama und Putin in ihrer Schulzeit Kommunikationsunterricht gehabt hätten?“