Warum Noten doof sind – Luka

Wieso Noten doof sind – Luka

Liebe Schülerinnen, liebe Schüler,
morgen bekommen wir alle unser Zeugnis, darin ein Urteil über unsere Bemühungen des letzten halben Jahres. Aber, kann man über Wissen oder geistige Leistung tatsächlich urteilen? Wie aussagekräftig ist das Zeugnis? Und was bringen Noten überhaupt?

Ich habe mein Zeugnis schon vor einigen Wochen bekommen, denn mein Abitur naht. Und umso wichtiger ist jede einzelne Note, jeder einzelne Punkt. In wenigen Monaten werde ich mein Abschlusszeugnis in der Hand halten. Es ist der Anfang, der Startschuss in das Berufs- oder Unileben. Aber für manche ist es das Ende. Der Punkt an dem sie endgültig ihre Träume verwerfen müssen eines Tages ein großartiger Arzt, Psychologe oder Anwalt zu werden. Für manche werden diese Türen für immer verschlossen bleiben. Versperrt von einem eisernen Numerus Clausus.

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„Angst ist das einzige Druckmittel, das ihr habt!“

Dabei sind Noten ganz und gar nicht objektiv und bieten keinerlei Maßstäbe für die Universitäten. In Thüringen lag der Abiturschnitt 2013 bei 2,2, in Nordrheinwestfahlen aber nur bei 2,6. So ist also der Schüler in Thüringen im Durchschnitt fast eine halbe Note besser. Ein Schüler mit einem Zeugnis berechnet auf 16 verschiedene Weisen 16 verschiedene Schnitte in 6 verschiedenen Bundesländern. Beispielsweise erhält ein Schüler mit einer Schwäche in   Naturwissenschaften in 4 Bundesländern ein 2,6er Abi, in 4 anderen Bundesländern erhält er keines.

Selbst, wenn es in Deutschland ein zentrales Abitur gibt und jeder den gleichen Stoff lernt, sind Noten noch lange nicht objektiv, und noch viel weniger vergleichbar. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Lehrer, wenn sie eine und die gleiche Arbeit mehrmals korrigieren, verschiedene Noten vergeben. Lehrer sind keine Maschinen. Lehrer sind auch nur Menschen, die genauso wie wir alle von Emotionen, Erwartungen, persönlichen Problemen und Erfahrungen beeinflusst werden. Gegen eine subjektive Korrektur hilft kein Zentralabitur.

Wieso halten wir trotzdem noch an diesem System fest? Alle Parteien der Schulfamilie leiden darunter. Die Eltern, die für ihr Kind nur das Beste wollen und stets zwischen Förderung und Freiheit abwägen müssen, und es damit eine Entscheidung zwischen momentanem Glück für ihr Kind und einer gefestigten Bildung ist. Die Lehrer leiden, denn sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, Klausuren zu konzipieren, die eine wasserdichte und unumstößliche Korrektur ermöglichen. Sie müssen stets auf eine Flut von Kritik und Angriff vorbereitet sein, sie müssen sich immer rechtfertigen können. Aber am allermeisten leiden wir Schüler unter den Noten. Wir lernen mit Angst und nicht mit Neugierde, wir lernen unter Druck. Wir sind dem Urteil der Lehrer frei ausgesetzt. Wir haben keine Mittel um uns gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Und die Bewertung kann extreme Folgen auf unser weiteres Leben haben.

In der letzten Ausgabe der Propagandaschrift des Kultusministeriums namens „Schule und Wir“ findet man ein doppelseitiges Interview mit Manfred Spitzer, einem Hirnforscher. Die zentrale These: Lernen und Glück hängen eng zusammen. Wer mit Angst vor Prüfungen lernt, wird, wann immer er das Wissen abruft, diese Emotionen wieder erleben. So entsteht eine Schule, in der die Guten immer besser werden, und die Schlechten immer schlechter. Und anstatt ihnen ernsthafte Hilfe zu bieten, werden sie von der Angst gequält, im nächsten Jahr nicht mehr mit ihren Freunden in einer Klasse sein zu dürfen.
Angst ist das einzige Druckmittel das ihr habt. Wir haben Angst vor Noten, Angst vor den Verboten, Angst zu versagen, Angst in einer Gesellschaft zurückgelassen zu werden. Denn ihr habt versagt, unsere Freude am Lernen zu bewahren. Ihr habt versagt. Und jetzt meint ihr, ihr könntet es durch Zwang wieder ausgleichen, aber es macht es nur noch schlimmer. Ihr versucht Symptome einer Krankheit zu bekämpfen, die ihr selber geschaffen habt.

Als ich den Artikel gelesen habe, dachte ich mir mit einem Lächeln auf den Lippen: „Das Kultusministerium hatte wohl eine 6 im kritisch denken, oder hat überhaupt einer hinterfragt, ob lernen und Glück auch in der Schulpraxis eng zusammenhängen?“

Es wird Zeit, dass jeder einzelne im System Verantwortung übernimmt. Jeder der mitmacht ist für seine Taten verantwortlich, sowohl Lehrer, Schüler, aber vor allem, Sie, Herr Spaenle. Übernehmen Sie Verantwortung für das was passiert, für das Leid, dass Sie verursachen. Sie können es ändern. Wenn Sie möchten. Und wir zeigen Ihnen jetzt was Sie ändern sollten. Und wir werden uns spätestens in einem Jahr wiedersehen, und prüfen, was sich verändert hat. Wenn wir ehrlich sind, Herr Spaenle, wollen wir Sie gar nicht durchfallen lassen – sonst bleiben Sie noch ein Jahr länger.

Wir stellen euch nun Spaenles Zeugnis vor. Als aller Erstes schauen wir uns Spaenles Leistung im Schulen modernisieren an.

 

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