Wie sieht eigentlich eine gute Schule aus?

Bemerkungen aus der Sicht einer Schülerin.

Am Sonntag den 31. Januar 2016 durfte die Schülerin Hannah teil der Vortragsreihe des Münchner Merkurs auf den Bildungstagen München sein. Eine gute Schule durch fächerübergreifende Projekte, ohne Noten, mit Lehrern wie Stavros Luca, Feedbackkultur und Partizipation hat sie zu bieten.

Den 40 minütigen Vortrag können sie auch hier als PDF herunterladen.

Hannah Imhoff von der StadtschülerInnen Vertretung München

Damit darf ich heute Bemerkungen zu etwas machen, wonach ich in meinem Schulalltag eigentlich nie gefragt werde.

Ich bin einer der Schüler, die rund 190 Tage pro Jahr in der Schule verbringen, erlebe wöchentlich um die 40 Unterrichtstunden und kann somit jährlich auf einen Erfahrungswert von 1520 Schulstunden der unterschiedlichsten Lehrkräfte mit verschiedensten Unterrichtsmethoden zurückgreifen. Das bin ich, nicht mehr und nicht weniger als eine Schülerin.
Und Danke, dass ich heute hier über das Reden darf, was mich tagtäglich hautnah betrifft.

Nach 12 Jahren Schule ergibt diese Rechnung dann 18.240 Schulstunden und das Ergebnis dieser ziemlich großen Zahl entpuppt sich dann oft bei der Abiturverleihung. Nicht wenige Schüler stehen dann mit dem Einser Abi in der Hand da und denken sich:
12 Jahre Bildung, halt Stopp – 12 Jahre Schulbildung und ich habe keine Ahnung was ich will, was ich kann, wer ich bin.

Sagen tun die meisten dann so etwas, wie:
Erst mal Reisen, vielleicht nach Asien oder ich mach O-Pair.

Nach einer guten Schule, sollte sich ein jeder denken:
„12 Jahre Bildung, ich darf machen was ich will, tun was ich kann und werden wer ich bin.

Und nach dieser guten Schule, wegen mir auch mit dem Abitur in der Hand, könnte man dann zum Beispiel so etwas sagen wie : Durch meinen Schulaustausch in Indien wurde mir bewusst wie uneffektiv herkömmliche Entwicklungshilfe ist. Ich möchte ein Jahr nach Indien zurück um ihre Kultur zu verstehen und zu begreifen was die Menschen dort wirklich brauchen. Dann möchte ich „Internationale Beziehungen und Entwicklungshilfe“ studieren.

Bei diesem Beispiel hat die Schule den Schüler inspiriert – ihn neugierig auf das Leben gemacht. Ich habe manchmal das Gefühl um wirklich zu lernen, muss man den Mut haben die Schulwände zu verlassen. Wenn eine Schule es schafft durch Bildungsreisen, Praktika und guten Unterricht dem Schüler nicht die Lust am Lernen zu nehmen, sondern es schafft die Leidenschaft Neues ent-decken zu wollen zu stärken – dann ist es eine gute Schule.

Grundvoraussetzung: Wir Schüler wollen gerne lernen! Aber am liebsten würden wir etwas lernen, was unser Interesse weckt. Wir wollen unser Wissen verstehen und es anwenden können. Das Wissensanhäufung als Selbstzweck uns sinnfrei erscheint zeigt wohl die meist gestellte kritische Frage des Unterricht, Vorsicht ihr kennt sie alle, sie lautet:

„Warum lernen wir das?“ Und eine mindestens so übliche Lehrerantwort darauf lautet: „Das brauchst du später Mal.“ Der ehemalige Präsident des BLLVs (bayrischer Lehrerinnen und Lehrer Verband), Klaus Wenzel erlebte in seiner eigenen Schulzeit einen dieser Dialoge und wünschte sich bis heute im Alter von 66 Jahren, er wäre in diesem Moment so mutig gewesen, folgendes zu antworten: „Dann komme ich später wieder.“

Ich liebe diese Anekdote und sie war wie der Beweis für mich, dass es uns Schüler schon über Generationen hinweg nicht reicht nur für einen Abschluss zu lernen.

Nach der Bildungsforscherin Chathy N. Davidson (an der Duke University in Durham im US-amerikanischen Bundesstaat Carolina) werden rund 65 % der Kinder die heute in die Schule gehen, in Berufen arbeiten, die es bislang noch gar nicht gibt. Dieser Fakt lässt die Antwort „das brauchst du später Mal“ ein wenig unrealistisch erscheinen. Gleichsam erwarteten auch Klaus Wenzels Lehrer wahrscheinlich keinen Technik Boom und kamen nicht auf die Idee, dass ihre Schüler später Mal ihr Geld als  App Entwickler oder Designer verdienen würden.

Doch so kritisch sind wir Schüler gar nicht immer, mit dieser Realität wurde ich zurück im Klassenzimmer konfrontiert. Ich selbst gehe auf eine Waldorfschule, die konzeptionell bedingt einen künstlerischen Schwerpunkt setzt. Das bedeutet viel Kunst, viel Eurythmie (eine Bewegungskunst, wegen diesem Fach ist das „Kannst du deinen Namen tanzen“ Klischee entstanden) und Musik. Als sich dieser Schwerpunkt auch noch in der 11. Klasse in den Stundenpläne zeigte war die Stimmung bei uns relativ rebellisch: O-Ton „Hierfür bleib ich doch nicht dreimal die Woche lang in der Schule, diese Fächer sind nicht mal Abitur relevant…“ Auch zog das Argument nicht, dass es doch egal ist, inwiefern die Fächer Abitur relevant sind. Hauptsache sei doch der praktische Ausgleich den sie bieten, im Gegensatz zu den theoretischen, abiturrelevanten Lernfächern. Auch ich hatte wenig Lust wegen Kunst, Eurythmie oder Musik bis um halb vier in der Schule eingesperrt zu sein.

In der 12. Klasse drehte sich dann plötzlich der Spieß und zwar nicht, weil wir weniger künstlerische Fächer hatten. Es standen nicht nur die wöchentlichen Musikstunden an, sondern in den nächsten Monaten gleich der Musikabschluss. Wir Schüler bestimmten ein Thema des Abends, wählten danach unsere Stücke aus und bildeten kleine Ensembles. Plötzlich schwänzte niemand mehr Musik, denn wenn du nicht da warst, dann konnte dein Ensemble nicht ordentlich proben.

Dasselbe erlebe ich gerade in der Theaterarbeit. Egal ob das Stück jetzt meine erste Wahl ist oder nicht, für dein Gruppenprozess ist meine Präsenz notwendig. Ohne meine Rolle kann nicht ordentlich geprobt werden und ohne vollständige Szenenaufzeichnungen können wir keine Beleuchtung einstellen. Hier werde ich gebraucht, hier trage ich Verantwortung, hier muss ich da sein. Aber ob ich da irgendwo hinten drinnen in Physik sitze stört verdammt noch einmal keinen Prozess. Und siehe da, plötzlich werden ganz andere Fächer geschwänzt wenn der Zeitdruck zu hoch ist.

Doch auch aus Physik könnte man ein Projekt machen, vor der Klimakonferenz in Paris einen Monat zum Thema Umweltkatastrophe arbeiten, komplizierte Zusammenhänge erklären und eine Kampagne entwickeln welche die Handlungsmöglichkeiten jedes Einzelnen thematisiert. Zum Abschluss könnten die Schüler in Form einer Podiumsdiskussion ihre Forderungen den Politikern unterbreiten. Bei solch einem Gruppenprojekt spielt jeder Schüler eine ganz andere, für das Gelingen aber unverzichtbare Rolle.

Mein Fazit für eine gute Schule lautet also: Durch Fächerübergreifende Projekte die Eigenverantwortung der Schüler stärken. Die Individualität jedes Einzelnen nutzen, statt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu setzen.

Noten
Doch wie soll so ein Projektbezogener Unterricht überhaupt bewertet werden, eine Zahl zwischen 1 – 6 scheint ein wenig begrenzt um Kreativität, Teamfähigkeit und die Kompetenz auf einen Punkt zu bringen.

Die Kompetenz-Kompetenz ist ein Interner der denke ich aus der Schülervertretung stammt, sie umfasst: soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit, Kooperation, Konfliktlösung, Fachkompetenz, Sachkompetenz, Führung, Durchsetzung, Methodenkompetenz, Selbstkompetenz, Lernkompetenz, Internetkompetenz, kreative Kompetenz, Innovationskompetenz, interdisziplinäre Kompetenz und nonverbale als auch verbale Sprachkompetenz.

So gut wie alles ist in einem Projekt gefragt, in einer Note aber nicht herauszulesen. Bisher legte der Lehrplan seinen Schwerpunkt auf prüfbare Fächer. Auch wenn Deutschnoten immer schon Konfliktpotential in sich bargen und man bei Sport oft das Gefühl hat hier wird eigentlich Talent bewertet, so kann man doch festhalten, dass das Notensystem bei Mathematik, Physik und Chemie einigermaßen gut funktioniert.

Doch selbst in den Naturwissenschaften, zeigt das Notenzeugnis nicht den „Aktuellen – Stand“ der Kenntnisse des Schülers. Es zählt nicht ob er sich verbessert hat, weil Halb- oder Jahreszeugnis immer nur einen Mittelwert abbildet.

Beispiel: Ich habe nicht gelernt und ich schreibe im Bruchrechnen eine 6. Es gibt eine zweite Schulaufgabe zum Thema Bruchrechnen, die wahrscheinlich sogar etwas schwieriger ist, ich habe gelernt und schreibe eine 1. Und trotzdem ich Bruchrechnen „wie eine 1 beherrsche“ wir in meinem Zeugnis ein Mittelwert stehen, vielleicht eine drei. Das entspricht nicht meinen aktuellen mathematischen Fähigkeiten, höchstens noch meinem Lernverhalten, welches jedoch niemand mehr aus einer einzigen Zahl herauslesen kann.

Ich setze noch einen drauf, um die Wirksamkeit unserer Selektion durch Noten infrage zu stellen. Wenn ein Kind auf Grund von zu vielen schlechten Noten nicht aufs Gymnasium darf oder sitzenbleibt empfindet es laut dem Hirnforscher Gerald Hüther Schmerz. Denn wenn man das Gefühl empfindet nicht dazuzugehören, werden im Hirn dieselben Netzwerke aktiviert wie wenn man körperliche Schmerzen empfindet. Das Hirn nimmt für die Signalisierung einer Beziehungsstörung zu andere, dieselben Netzwerke die es auch nimmt um eine Beziehungsstörung im eigenen Körper zu signalisieren. Jetzt stellt sich die Frage, wie soll jemand lernen wenn er Schmerzen empfindet?

Zeugnisse in Worten statt Zahlen
Gleichzeitig ist es nicht sinnvoll, dass ein Schüler Feedback los von einem ins nächste Projekt rutscht. Wenn ich einen Job beende, oder ein Praktikum abschließe bekomme ich schließlich auch ein Zeugnis. Und tatsächlich interessiert dieses Zeugnis zukünftige Arbeitgeber meist mehr als mein aktueller Notendurchschnitt… Ein solches Zeugnis sollte ein jeder Schüler von jedem Projekt bekommen, am besten in Form eines ausführlich protokolliert und sinnvoll gegliederten Gesprächs.

Der Vorteil eines Gesprächs gegenüber einem reinen Schriftzeugnis ist simpel, es entsteht Kommunikation. Bei einer Mitschülerin steht jährlich im Zeugnis, sie solle sich im Unterricht mehr melden. Hätte der Lehrer sie einmal gefragt warum, dann würde er erfahren, dass sie sich nicht traut laut zu sprechen. Solange sie nicht die Möglichkeit hat daran zu arbeiten, wird auch kein jährlicher Zeugniskommentar ihr Unterrichtsverhalten ändern.

Wann? Die Gespräche würden unter dem Jahr stattfinden, immer am Ende eines Projekts. So kann der Schüler reflektiert ins neue Projekt starten. Auch hat der Schüler noch einen aktuellen Bezug zu den Anmerkungen des Lehrers. Würde das Gespräch am Ende des Schuljahres stattfinden, dann ginge der Bezug meist bis nach den Sommerferien verloren. (Arbeiten wurden nicht abgeben – nach den Sommerferien denkt da kein Mensch dran.)

Und dann hält ein Schüler am Ende des Jahres kein Blatt mit Noten in der Hand, sondern Protokolle über seine Fähigkeiten in unterschiedlichsten Projekten. Aus diesen Protokollen liest sich dann nicht nur heraus, was der Lehrer denkt, sondern auch die eigenen Erfahrungen des Schülers.

Lehrer
Jetzt wo ich die Noten abgeschafft habe, steht einer gesunden Lehrer – Schülerbeziehung weit weniger im Weg. Exen und Stegreifaufgaben erinnern an gezielte Fallenstellerei, für eine gut funktionierende Schule braucht es aber ein Fehlerfreundliches Klima und keine verhärteten Fronten zwischen Schüler und Lehrer. Schlussendlich sollten die Lehrer Potentialendfalter der Schüler werden. Die gewaltige Talente eines jeden Kindes entdecken, statt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu setzen, denn dann werden Talente rücksichtlos vergeudet. Zusammen zu fassen ist, an welchen Lehrer ein Kind gerät, beeinflusst dessen ganzes Leben.

Zu dieser schlichten Erkenntnis, kam übrigens auch der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie nachdem er 15 Jahre lang sämtliche englischsprachliche Studien zum Lernerfolg sichtete und auswertete. In seine Analyse flossen mehr als 50.000 Einzeluntersuchungen ein, an denen – Luft anhalten 250 Millionen Schülern beteiligt waren.

Das Ergebnis war, dass sich die größten Unterschiede beim Lernzuwachs nicht zwischen Schulen, sondern zwischen einzelnen Klassen zeigte: Der Unterricht steht und fällt mit dem Lehrer. Der wichtigste Wirkfaktor ist, dass der Lehrer den Schülern zugewandt ist und möchte dass diese etwas lernen.

Die Macht eines Lehrers wurde auch in Schweden getestet. Stavros Louca einer der begabtesten Mathematiklehrer des Landes, wurde für 5 Monate auf die 9a der Johannes Schule losgelassen, sie galt als eine der schlechtesten Klassen Schwedens. Ziel war es, dass die Klasse unter die Drittbesten des Landes kam. Sein Ziel erreichte Stavros Louca, indem er jeden Schüler wichtig nahm, morgens steht er im Türrahmen und gibt jedem die Hand. Fragte Einzelne ob sie an ihren Taschenrechner gedacht hätten oder auch ob ihr Vater aus dem Krankenhaus zurück sei. Er nannte dies: „Danach fühlt sich jeder im wahrsten Sinne und als Individuum berührt.“

Sein Grundregel: sage niemals etwas ist falsch, sondern versuche den Schüler anzustacheln weiterzudenken, die Aufgabe als Herausforderung zu verstehen. Wie Hattie sieht auch er Fehler als eigentlichen Treiber des Lernens.

Wegträumende Schüler beschämte er nicht, sondern stellte sich direkt vor sie, stellte ihnen eine einfache Frage die sie mit einem schlichten „Ja“ beantworten konnten um sie wieder an Bord zu holen. Die Didaktik des Lehrers war beeindruckend, er wechselte von Frontal zu Gruppenunterricht, von Anekdote zu Stoff wie in einem Tanz. Tatsächlich hatte Louca Stavros die 9a nach 5 Monaten mit Abstand zur besten Mathematik-Truppe ganz Schwedens gemacht.

Doch wie kommt man zu so einem Lehrer wir Louca Stavros?
Nach den Hattie – Studien helfen schon kleine Lehrerfeedbacks um die Unterrichtsqualität signifikant zu heben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die wenigsten Lehrer von sich aus fragen, wie ihr Unterricht wahrgenommen wird und wer ihre Notengebung als „fair“ empfindet. Es erscheint geradezu ironisch, dass diejenigen, die tagtäglich bewerten, so viel Angst haben, selbst bewertet zu werden. Dabei stellt doch Feedback einen Gewinn sowohl für Schüler als auch für Lehrer dar. Wie soll ein durchschnittlicher Lehrer auch wissen, was er besonders gut oder eben falsch macht, wenn es ihm niemand sagt? So haben Schüler eine minimale Möglichkeit, Einfluss auf die Unterrichtsgestaltung zu nehmen, der sie tagtäglich ausgesetzt sind.

Bei solchen Lehrerfeedbacks sind im Grunde die Schüler Potentialentfalter der Lehrer. Eine Schule muss nicht nur die individuellen Fähigkeiten des Schülers erkennen und fördern, sondern auch die des Lehrers. Wenn ein Lehrer sich nicht Herr der Lage fühlt, leidet niemand anderes mehr darunter als die Schüler selbst. An meiner Schule hat jetzt die dritte Lehrerin einen Burn-Out, es gibt sogar Versicherungen, die nehmen Lehrer nicht mehr, wegen der hohen Arbeitsausfallquote. So kann es nicht weitergehen, des macht schließlich niemanden glücklich. Eine gute Schule muss variabel sein und sich nach den Fähigkeiten der Menschen richten, für die sie da ist. Nicht Eltern, Lehrer und Schüler sollten versuchen dem System zu dienen, sondern das Schulsystem den Menschen.

Partizipation
Jetzt zu diesem Schulsystem, laut Richard David Precht (Bildungsphilosoph und Bestseller Autor) stammt unser heutiges Schulsystem mit graduellen Veränderungen noch aus dem 19 Jahrhundert, aus dem Kaiserreich. Dies würde historisch erklären, warum man mit dem Betreten des Schulgeländes den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland verlässt.

Tatsächlich erinnert unser hierarchisches Schulsystem mit einem Direktor der allzu gerne „nein“ sagt nicht gerade an den Inbegriff von Demokratie. In einem demokratischen Staat, indem wir Schüler zu kritisch denkenden, mündigen Bürgern erzogen werden sollen, müssen wir auch schon in der Schule die Möglichkeit haben Demokratisch zu handeln. Und theoretisch gibt es dafür auch eine rechtliche Verankerung, die Schüler Mit Verantwortung (SMV).

Die funktioniert an manchen Schulen besser, an anderen schlechter. Meist an Gymnasien besser und an Mittelschulen schlechter. Doch schaut man sich die Situationen der Münchner SMVen genauer an, hat man das Gefühl, dort ist weder Wert noch Wirkung definiert ist.

Den Anfang nimmt das Ganze bei den Klassensprechern. Und irgendwann fragt sich jeder Schüler, was ein Klassensprecher eigentlich überhaupt darstellt? Klar er spricht für die Klasse, doch was heißt das im Klartext, wann spricht er denn für die Klasse? Klassensprecher dürfen Rundschreiben austeilen, unangenehme Ansagen machen, Protokoll schreiben und generell Aufgaben für „die Klasse“ oder vielleicht doch für „die Lehrer“ übernehmen die sonst niemand tun möchte.

Und auf diese Struktur baut sich die SMV auf. Die Schülervertretung beschäftigt sich dann mit Themen wie: Schafkopfturniere, Nikolausaktionen, Mittelstufenpartys, Tombolas, Sommerfest oder Kuchenbacken.

Doch was hat das genau mit Interessensvertretung zu tun, manchmal habe ich das Gefühl hier wird das Programm der Spaßpartei, die Partei abgespielt. Das lautet nämlich Inhalte überwinden. Doch im Gegensatz zur Partei will die Schülervertretung inhaltlichen Einfluss haben!

Auf der ersten SMV Sitzung dieses Jahr fragte mich ein 9. Klässler: „Haben wir wirklich Einfluss auf die Entscheidung der Lehrer, hören sie uns wirklich zu?“ Und ich konnte es nicht „bejaen“, es werden die meisten Anträge abgelehnt, Übereinkünfte über Bord geworfen und bei den Anträgen, die durchkommen hat man das schale Gefühl die Lehrer hatten es eh schon vor.

Einmal meinte eine Lehrerin zu mir: „Wir würden die SMV ja gerne unterstützen, aber sie stellen halt die falschen Anträge.“ Und ich glaube darin liegt ein Grundlegendes Missverständnis, es geht doch nicht darum Lehrerwünsche zu erfüllen, es geht darum das zu fordern was die Schüler sich wünschen. An vielen Schule wagt die SMV nicht einmal kontroverse Anträge zu stellen: „Weil Sie kommen eh nicht durch!“.

Und diesem Phänomen des Aufgebens bereits vor dem Kampf müsste man entgegen wirken. Schüler brauchen einen direkten Ansprechpartner, der wirklich etwas verändern kann, denn wenn sich Ideen zu oft im Sande verlaufen hört man auch auf sich zu engagieren. Engagement muss irgendwohin führen, Engagement allein Engagements willens hat nur eine geringe Lebenserwartung.

Und dieses Dilemma der Scheinrechte setzt sich leider auch in der Bildungspolitik fort:
Ich war neulich auf einem Einführungsseminar der Landesschülervereinigung Bayern e.V. und hörte wie aus früheren 70, 80, 90 Teilnehmern karge 10 – 20 wurden. Die Geschichte dieser Schülervertretung ist bombastisch, 1986 wurde sie geründet und verhinderte den ersten Versuch der Kürzung der gymnasialen Schulzeit, ihr erklärtes Ziel war eine anerkannten Schülervertretung – so schallte ihr Ruf laut und deutlich: „Nehmt uns Schüler endlich ernst und redet mit uns!“, sie gewannen einen Prozess gegen das Kultusministerium, welches sie verklagte nicht demokratische legitimiert zu sein, sie riefen Europas größten Schülerkongress namens „basis“ ins Leben und kämpften für eine offizielle Schülervertretung, auf basis’09 in Nürnberg fand dann das erste Mal die Landesschülerkonferenz des einjährige Jubliläum des Landesschülerrats auf einem Schülerkongress statt. Dies war ein symbolträchtiges Ereignis, doch hatte sich damit die Schülervertretung zu Tode gesiegt? Es gab einen neuen Kultusminister, der zumindest mit den Schüler reden wollte und es gab endlich eine demokratisch legitimierte Schülervertretung.

In einem ganz anderen Zusammenhang sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Thomas Nielson sagte bei seiner Abschiedsrede: „Wir haben uns zu Tode gesiegt. Das ist gut.“ Damals waren alle Bedürfnisse gestillt. Und deshalb, frage ich: „Sind heute alle Bedürfnisse der Schüler gestillt?“ und ich antworte auch noch selbst: Nein, das sind sie nicht:

Es gibt knapp 1,7 Mio. Schüler in Bayern, im Landesschülerrat ist gerade mal Platz für 6 Landesschülersprecher und ihre 6 Stellvertreter. Die Anschrift dieses freien Landesschülerrats ist Salvatorplatz 1, seine Gesetze und Richtlinien stammen vom Kultusministerium und seine Anträge lehnte es zu 95% Wahrscheinlichkeit ab. Doch mindestens einem Antrag der letzten drei Jahre stimmte das Kultusministerium gerne zu, damals forderte der Landesschülerrat, das G8 beizubehalten.

Den Landesschülerat besucht Spaenle einmal im Jahr, die Landesschülervereinigung Bayern e.V. ist nach seiner Aussage ein Kommunistenpack und für die StadtschülerInnen Vertretung München hat er keine Zeit. Zwei Schüler sieht er täglich, dass klingt gut, vielleicht begegnet er so auch einmal der kritischen Masse, doch die zwei Schüler sind seine Töchter und das zählt wohl kaum.